Lesens.Wert

Unsere aktuellen Artikel zusammengefasst auf einer Seite

Stille. Kraft. Führung. – Ein Tag voller Resonanz

Alle, die am 19. September den Weg ins Geistliche Zentrum in St. Peter fanden, wurden bereits beim Betreten von etwas Besonderem empfangen. Warme Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster des Fürstensaals und boten einen klaren Blick in den Hochschwarzwald. Dann erklangen die ersten Klaviertöne von Joachim Goerke. Sanft, klar, tief – Musik, die nicht unterhielt, sondern berührte. Sie lud ein, den eigenen Atem zu spüren und nach innen zu lauschen. Sie war der unsichtbare rote Faden des 11. Lernkulturtags+, bei dem 90 Unternehmer, Führungskräfte und Vorgesetzte aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkamen, um Stille, Kraft und Führung zu erleben.
Stille ist kein leerer Raum. Sie ist voller Antworten.

Ein Abend des Ankommens

Für viele begann der Lernkulturtag+ bereits am Vorabend – ein Angebot für all jene, die von weiter anreisten und sich schon vor dem eigentlichen Tag einstimmen wollten. Nach einem gemeinsamen Abendessen öffneten sich drei besondere Räume der Begegnung: Christina Wenskus (Beraterin Lernraum.Akademie) und Jürgen Eller (Geschäftsführer Lernraum.Akademie) luden in einen meditativen Erfahrungsraum ein – eine stille Reise nach innen. In der eindrucksvollen Klosterbibliothek schuf Ekkehart Bechinger (Direktor Geistliches Zentrum & Berater Lernraum.Akademie) mit seinem Impuls „Vom Lesen zum Schweigen“ eine Atmosphäre der Sammlung und Achtsamkeit. Und in der Barockkirche führte Michael Haase mit „Der Klang der Stille“ in einen hörbaren Dialog zwischen Raum, Ton und innerem Erleben. Den stillen Höhepunkt bildete schließlich der Pianist Joachim Goerke mit seinem Gute-Nacht-Lied im Franziskusgarten, bevor sich die Teilnehmenden in kleine Gesprächsrunden oder in die Nacht verabschiedeten. Ein Abend des Ankommens und der Vorfreude.

 

Freitagmorgen: Ein Raum für Fragen, die tiefer gehen

Der Lernkulturtag+ wurde vom Journalisten Markus Brock moderiert, der die Gäste mit feinem Gespür und den richtigen Fragen interviewte. Gemeinsam mit Jürgen Eller, dem Geschäftsführer der Lernraum.Akademie, ging es gleich zu Beginn um die zentrale Dimension des Tages: Führung. „Wie führe ich? Und wie wirke ich als Führungskraft?“  – Jürgen Eller gab die Antwort nicht als Rezept, sondern als Einladung zur Selbstreflexion. Stille, so seine Überzeugung, ist dabei kein leerer Raum. „Sie ist voller Antworten. Das Problem ist nur, dass wir unsere innere Stimme oft überhören.“

Damit war die Richtung des Tages gesetzt. Stille nicht als Abwesenheit, sondern als Ressource anzunehmen. Nicht als Rückzug, sondern als Kraftquelle für Menschen in Verantwortung.

 

Stimmen, die Vielfalt spürbar machen

Im Laufe des Tages fügten sich unterschiedliche Perspektiven zu einem lebendigen Mosaik zusammen.

Da war Michael Stolle, Akademischer Leiter am KIT in Karlsruhe, der mit Leidenschaft davon sprach, wie Studierende für das Thema Leadership begeistert werden können – nicht durch Theorien, sondern durch Erlebnisse. Für ihn bedeutet gute Führung, Leben zu wecken: bei anderen, aber auch bei sich selbst. „Wer andere führen will, muss sich selbst führen.“

Ganz anders, aber ebenso berührend, war der Beitrag von Samuel Obrecht. Der 27-jährige Physiker, getrieben von der Frage nach dem Sinn, fand Antworten nicht in Formeln, sondern in der Praxis des Yoga. „Stille ist nichts, was der Verstand verstehen kann“, sagte er, „aber sie ist spürbar – als Ausrichtung auf das Nicht-Definierte.“

Oliver Wehrstein, evangelischer Dekan, brachte eine fast gegensätzliche Perspektive ein. Er bekannte, dass er kein Freund der Stille sei, dass er Tiefe vielmehr im Dialog und im Austausch mit anderen finde. „Ich bin keine Insel in dieser Welt.“ Gerade dadurch wurde deutlich: Der Weg in die Stille ist individuell, und vielleicht ist genau das ihre Stärke.

Immer wieder öffneten musikalische Atempausen von Joachim Goerke die Herzen der Zuhörenden. Klänge, die nicht nur unterbrachen, sondern vertieften. So konnte jedes gesagte Wort nachwirken, ohne überlagert zu werden.

 

Erleben statt nur zuhören

Es wurde besonders eindrucksvoll, als die Teilnehmenden eingeladen waren, Stille nicht nur zu diskutieren, sondern auch selbst zu erleben. Beim sogenannten Kreuzganggespräch suchte sich jede und jeder einen Partner. 15 Minuten lang durfte eine Person sprechen, während die andere ausschließlich zuhören durfte – ohne Einwürfe, ohne Kommentare, ohne den Impuls, gleich selbst zu antworten. Für viele war dies ungewohnt und vielleicht anfangs irritierend. Doch mit der Zeit entstand ein Raum, in dem wirkliche Präsenz spürbar wurde. Stille konnte hier bedeuten: „Ich höre dich.” Ganz. 


Auch die von Dagmar Schur (Beraterin Lernraum.Akademie) und Ekkehart Bechinger (Direktor Geistliches Zentrum und Berater Lernraum.Akademie) geleiteten „Inseln der Stille“ luden dazu ein, den eigenen Transfer zu finden – sei es durch Musik, durch Atem, durch Orte oder durch Bewegung. Am Ende teilten die Teilnehmenden, womit sie in ihrem Alltag beginnen wollten. So bekam Stille eine ganz persönliche, praktische Gestalt.

 

Atem, Musik und berührende Geschichten

Es waren die feinen Übergänge zwischen Impuls und Erfahrung, zwischen Kopf und Herz, die diesen Tag so besonders machten. Christina Wenskus führte in eine Atemübung, die den ganzen Raum in Schwingung versetzte – die sogenannte Bienenatmung. Ein Summen, das nicht nur entspannte, sondern auch eine kraftvolle Verbundenheit entstehen ließ.

Kathrin Beiermeister, COO und ehemalige Teilnehmerin des Executive Leadership Program, brachte es mit einem einfachen Satz auf den Punkt: „Wenn ich für mich selbst sorge, kann ich auch für andere sorgen.“ Auch Anna Faller, die nach ihrem Renteneintritt den Fußweg von Hamburg nach St. Peter auf sich genommen hatte, bewegte alle mit ihrer Lebensgeschichte. „Es ist wichtig, jetzt für sich selbst zu sorgen und nichts aufzuschieben.“


Ein Abschluss voller Verbindung

Als der Tag sich dem Ende neigte, stimmte Joachim Goerke ein Lied an: „Damit fang ich an…“ Und plötzlich sang der ganze Saal mit. Stimmen, die sich mischten, Töne, die sich verbanden, ein Moment, der noch lange nachwirkte.

Auf die Abschlussfrage, was jede und jeder mitnimmt, kamen Antworten wie: „Einfach wieder atmen.“ – „Stille als Kraftquelle.“ – „Die Musik macht’s.“ – „Auszeit vom Alltag.“ Worte, die mehr sagen als jedes Protokoll.

 

Dankbarkeit und Einladung

Wir blicken voller Dankbarkeit auf diesen Tag zurück. Dank an alle Impulsgeberinnen und Impulsgeber, die ihre Erfahrungen geteilt haben. Dank an Moderator Markus Brock, der mit viel Gespür durch das Programm führte. Dank an die 90 Teilnehmenden, die mit Offenheit, Neugier und Präsenz diesen Tag so kraftvoll gemacht haben.

Der 11. Lernkulturtag+ hat gezeigt: Stille ist eine Ressource, die uns Kraft schenkt, Klarheit verschafft und unsere Führungskultur nachhaltig prägen kann.

Vielleicht ist es genau das, was bleibt: Die Einladung, im eigenen Alltag Inseln der Stille zu schaffen. Räume, in denen wir wieder hören können, was wirklich wichtig ist. Und aus dieser inneren Klarheit heraus zu führen – uns selbst und andere.

 

 

zurück zur Übersicht