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In der Stille ist viel zu hören

Ein zartes Saxophonspiel schwebt durch den Barocksaal des Gengenbachers Klosters. Minutenlange Stille. Und wieder das Saxophon... Ungewöhnlich dieser Einstieg zum 8. Lernkulturtag. Was verbindet Stille und Musik mit dem Thema „Intuition“? Musiktherapeutin Marlen Wadepuhl und Lernraum-Berater Peter Wulf behaupten: „Stille macht empfänglich für Intuition – und Musik hilft, loszulassen“. Wir werden sehen...
"Stille macht empfänglich für Intuition – und Musik hilft, loszulassen."

Gut, dass es jetzt in vertrauten Bahnen weitergeht. Journalist und Moderator Markus Brock führt uns wie jedes Jahr durch den Tag. Der Mann hat Charme – kann aber auch hartnäckig nachfragen. Jetzt erstmal der Charme: Er freut sich, „dass heute über 100 Leute ihrer Intuition gefolgt sind und sich auf eine aufregende Gedanken-und Gefühlsreise einlassen“.

Diese jährliche „Reise“ haben die Chefs der Lernraum.Akademie, Managerin Ulrike Kliewer-Mayer und Geschäftsführer Jürgen Eller ins Leben gerufen, „um an einem einzigen intensiven Tag Lernen und Führen fassbar zu machen“. Intuition ist für Jürgen Eller deshalb so wichtig, „weil sie in unserer modernen Welt der Zahlen und Beweise eine immer größere Rolle spielt“. In diesem Zusammenhang erinnert er an einen Mann, der wie kein zweiter für das Thema Intuition stand: der geachtete Lernraum-Berater Helge Russ, der ganz unerwartet im vorigen Jahr verstorben ist.

Ein kleines Ritual wird mit Freude aufgenommen – die Verteilung des Lernbuchs mit der Ansage: „Bitte hineinschreiben, was uns hierhergeführt hat. Dann mit dem Nachbarn darüber sprechen und sich gegenseitig ein paar Minuten lang wirklich zuhören. Nicht unterbrechen“. Ich verrate hier mal, was ich meinem Nachbarn anvertraut habe: Dass ich noch nicht genau weiß, was Intuition wirklich bedeutet.


Das wird sich jetzt hoffentlich ändern, denn gleich vier Berater der Lernraum Akademie werden von Markus in die Zange genommen.

Markus: Bauchgefühl und Intuition – was ist der Unterschied?

Dr. Michael Heim: „Die Intuition ist  eine plötzliche, überraschende Einsicht, die einen Handlungsimpuls auslöst. Sie ist also begleitet oder gefolgt von einem Gefühl, aber sie ist nicht Gefühl. Die Intuition entsteht aus einem offenen Dialog mit der Welt außerhalb von mir. Die finde ich in der Natur, der Kunst, der Spiritualität, und sie öffnet sich in Zeiten der inneren Stille.“

Wieso ist erfolgreiche Führung ohne Intuition nicht möglich?

Dagmar Schur: „Die Herausforderung für Führungskräfte ist es, in Ruhe auf sich selbst zu hören. Nach meiner Beobachtung erfolgen viele Entscheidungen aus der Intuition heraus. Im Nachhinein rechtfertigt man diese – auch vor sich selbst – mit Zahlen.

Intuition ist für mich, wenn der Verstand Daten sammelt und die Intuition entscheidet“.

Was sind hemmende Faktoren bei der Intuition?

Hubertus M. Mayer: „Von Kindesbeinen an wird uns gesagt, man solle sich auf seinen Verstand verlassen. Unser Bildungssystem bekräftigt das. Sobald die Aufgaben jedoch komplexer werden, braucht es eine zusätzliche Instanz wie die Intuition. Es ist immer wieder spannend, wenn Führungskräfte aufgefordert werden, in die Stille zu gehen. Sie halten es kaum aus. Es kann unangenehm werden in der Stille, denn in der Stille ist viel zu hören“.

Wie kann ich meine Intuition schulen?

Brigitte Technau: „Durch leise werden. Nur in der Stille, die in mir entsteht, kann ich diese innere Stimme wahrnehmen. Jeder kennt die Erfahrung „Hätte ich doch nur auf meine innere Stimme gehört“. Intuition entwickelt sich im Laufe des Lebens, wenn ich ihr Raum gebe und sie trainiere. Dabei helfen mir Achtsamkeitsübungen, Meditationen, in der Natur sein. Ich denke, jeder hat ein anderes Vehikel für Intuition“.

Ganz schön viel Input, liebe Leute! Gibt´s mal eine Pause? 
Und was für eine! Musiktherapeutin Marlen Wadepuhl lädt uns in einen Klangraum ein. Zwei Treppen hoch, Türe auf und ...unzählige Klang-Instrumente sind aufgebaut und alle dürfen wir sie ausprobieren. Dieses Konzert, das jetzt entsteht, kann man sonst nirgendwo sonst hören!


Worum es geht bei dieser Übung? Den Verstand sausen lassen, einfach impulsiv ein Instrument aussuchen, spielerisch und entspannt damit umgehen. Macht großen Spaß!

Wieder fünf Minuten Stille bevor der nächste Impulsgeber geräuschvoll erscheint. Geräuschvoll deshalb, weil er einen Karren mit einem schweren Holzklotz hinter sich herzieht. Markus stellt vor: Holzkünstler Christoph Widmer aus Oberkirch. Haben wir den heute nicht schon irgendwo gesehen? Richtig, seit dem Morgen bearbeitet der Mann im Innenhof des Klosters einen Eichenstamm – mit einer Kettensäge. Und jetzt steht der gebürtige Schweizer vor uns und verrät im fröhlichsten Schwyzerdütsch, was ihn antreibt: Aus einem Baumstamm soll eine Figur werden. Also setzt er die Säge an, verlässt sich auf seine Inspiration, sein Gefühl und lässt sich quasi führen... Spannend. Können wir das fertige Kunstwerk am Ende des Tages sehen? Natürlich!

Mit Führung anderer Art hat Lernraum-Geschäftsführer Jürgen Eller als Berater und Coach jeden Tag zu tun. Markus will wissen: Wie begründe ich in diesen Zeiten, in denen alles politisch korrekt sein muss, eine intuitive Entscheidung? Ellers Antwort: „Man sollte über die eigene Intuition sprechen, sie thematisieren, den anderen danach fragen, sie einfach selbstverständlich in den Raum stellen. Ein geschärftes Bewusstsein steigert die eigene Intuition.

Wir schärfen schwungvoll weiter, jetzt mit einer Bodypercussion. Musiktherapeutin Marlen gibt einen Text und einen Rhythmus vor, den wir mit Stimme, Händen und Füßen wieder geben sollen – und tatsächlich, mit einiger Übung gelingt das. Ziel ist es, auf der körperlichen Ebene die eigene Wahrnehmung zu steigern.

Und nun die geistige Ebene. Für Ekkehart Bechinger, Direktor des Geistlichen Zentrums St. Peter, ist Intuition eine göttliche Gabe

„Wir alle kennen den Geistesblitz, da wird uns etwas gegeben, wir sind inspiriert! Was nun eine intuitive Entscheidung betrifft, so rate ich, ein paar Kriterien zu überdenken: Stimmt die Entscheidung mit meiner Persönlichkeit überein? Ist sie für andere nachvollziehbar? Steht die Entscheidung im Kontext mit meiner Unternehmenskultur? Ist es eine Entscheidung, für die ich wirklich Ressourcen habe, oder überfordert sie mich? Wichtig ist es, eine Beziehung zu unserem inneren Kern herzustellen, die Erfahrung damit lässt uns intuitiver werden“.

Mittagspause. In Gedanken bin ich noch bei der „göttlichen Gabe“ und dem inneren Kern, laufe die wunderbar geschwungene Treppe im Innenhof des Klosters hinauf, stehe vor einer langen weiß gedeckten Tafel. Kreuz und quer geht das Stimmengewirr am Tisch, das Lachen und Zuwinken – und die Maultaschen schmecken köstlich.

Es regnet. „Macht nichts“, sagt Peter Wulf, „Ihr könnt trotzdem nach draußen gehen in den Klosterhof, oder in die Klosterkirche, oder in den Kräutergarten. Ihr habt jetzt 45 Minuten Zeit, Stille zu üben, Wahrnehmung zu trainieren. Noch einen Tipp: Ihr werdet Widerstand spüren, wertet und bewertet nichts.“

Eine Dreiviertelstunde Schweigen ist lang. Ich gehe in die Kirche, durch den Hof, in meinem Hirn stolpern die Gedanken. Jetzt noch einen Blick in den nassen Kräutergaren. Dort entdecke ich ein kleines Schild „Der Heitere ist der Meister seiner Gedanken“. Ich kehre irgendwie inspiriert zurück.

Unsere Stille, die alle eingehalten haben, wird belohnt. Marlen Wadepuhl schickt uns auf eine Klangreise mit dem Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert. "Einfach nur hören und fühlen."

"Wer will, darf seinem Lernraum-Buch anvertrauen, was er bei diese Klangreise empfunden hat". Ich schreibe: Dankbarkeit.

Von Wolfgang Amadeus Mozart zu Sven Simon Heinrich: Der junge Pop-Poet begleitet uns mit Gesang und Gitarre bei unserer letzten Bodypercussion. Da kommt Bewegung in den Barocksaal!

Kann man das noch toppen? Vier starke Männer tragen die Skulptur von Christoph Widmer herein. Ungläubiges Raunen und Staunen. Aus dem Eschenholzstamm ist eine Skulptur mit acht aneinandergeschmiegten Figuren geworden. Wir sind begeistert!

Wäre das nicht ein guter Abschluss gewesen? Aber Markus insistiert: "Wer verrät uns eine persönliche, wichtige Erkenntnis dieses Tages?"

Hier eine kleine Auswahl:

Intuition ist ein Geschenk, das aus der Stille kommt.

Meiner Intuition bin ich am nächsten, wenn der aktive Verstand eine Pause macht.

Intuition macht mein Leben leichter.

Wer lernt, seiner Intuition zu vertrauen, wird besser entscheiden und sicherer führen.

Intuition ist ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit.

Dieser Gedanke gefällt mir besonders gut – ich arbeite daran!

 

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